26.11.2019

Mit Initiative und Kreativität zum Ziel: SWB Bus und Bahn setzt die Zweiterstellung mit weiteren 15 Bahnen fort und entwickelt eigenes Lüftungs -und Klimakonzept

"Aus alt mach neu" – dieses Motto wird seit 2010 bei SWB Bus und Bahn im Großprojekt ‚Zweiterstellung‘, der ressourcenschonenden Restaurierung alter Stadtbahnwagen, im Sinne der Nachhaltigkeit und des Fahrgastkomforts umgesetzt und weiter fortgesetzt.

 

Die Ertüchtigung der insgesamt jetzt 40 Bahnen führen 15 SWB-Mitarbeiter im Betriebshof Beuel in Eigenregie und mit viel Herzblut durch. Karosseriebauer, Schlosser, Schweißer, Schreiner, Lackierer, Elektriker und Industriemechaniker arbeiten Hand in Hand und meistern auftretende Herausforderungen mit Kreativität. Jetzt haben sie für "ihre" Bahnen sogar eigene Lüftungs- sowie Klimakonzepte entwickelt, die künftig zum Einsatz kommen werden.

"Mit dem Großprojekt ‚Zweiterstellung‘ verfolgen wir eine klare Nachhaltigkeitsstrategie für Bonn und die Region. Das ressourcenschonende Upcycling alter Stadtbahnwagen ist umweltschonend und bietet einen hohen Fahrgastkomfort," sagt SWB Bus und Bahn-Geschäftsführerin Anja Wenmakers. Das kommunale Verkehrsunternehmen tritt als aktiver Treiber der lokalen Mobilitäts- und Energiewende auf. "Mein besonderer Dank gilt dem Projektteam. Unsere Teamarbeit hat uns stark gemacht. Ich danke auch dem Aufsichtsrat von SWB Bus und Bahn sowie der Gesellschafterversammlung der SSB dafür, dass wir die Stadtbahnen der Baujahre 1983/84 bis ins Jahr 2030 zweiterstellen dürfen. Wir übernehmen damit Verantwortung! So verstehen wir moderne Dienstleistung für unsere Kunden." Geschäftsführerin Wenmakers macht zudem auf den Ideenreichtum der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufmerksam. Die Werkstattcrew hat mit Kreativität und Know-how ein funktionales, neues Konzept für Klimatisierung und Belüftung entwickelt. „Damit wird weiter der Fahrgastkomfort dieser Bahnen gesteigert“, ergänzte die Geschäftsführerin.

Bonns Oberbürgermeister Ashok Sridharan dankte allen Beteiligten und der Umbaucrew in der Werkstatt Beuel. „Das Projekt ,Zweiterstellung‘ erfährt über die Grenzen Bonns hinaus große Anerkennung und ist bereits als Klimaschutzprojekt prämiert worden“, so der Oberbürgermeister. „Ich begrüße, dass mit dem nun entwickelten Lüftungs- und Klimatisierungskonzept ein wichtiger Schritt zur Verbesserung des Komforts für die Fahrgäste gemacht wird.“ Auch Landrat Sebastian Schuster unterstützt die Fortsetzung des Projekts ‚Zweiterstellung‘: „Der Rhein-Sieg-Kreis beteiligt sich mit rund 10 Millionen Euro an der Modernisierung der Stadtbahnen. Das ist gut investiertes Geld, um den Fahrkomfort für die Nutzerinnen und Nutzer der Linie 66 zu erhöhen. Besonders wichtig ist mir, dass dieses Klimaschutzprojekt zudem auch den Haushalt schont. ‚Zweiterstellen‘ ist deutlich günstiger als neu kaufen – ohne Abstriche an den Standards zu machen!“

Bis 2023 werden alle 25 Bahnen der ersten "Charge" – Bahnen mit Baujahr 1974-77, deren Restaurierung 2010 als Erstes beauftragt wurde – rundum erneuert. 16 von ihnen fahren schon wieder im Streckennetz. Zwei Bahnwagen befinden sich gerade unter der Projektleitung von Alexander Wingen im Umbau, sieben warten noch darauf. "Anfang Oktober haben wir den Auftrag für die nächsten 15 Bahnen – Baujahr 1983/84 – bekommen, deren Zweiterstellung bis 2030 abgeschlossen sein soll", erklärt er.

Auftrag für Ertüchtigung weitere 15 Bahnen im Oktober erfolgt
Klingt nach viel Zeit, ist es aber nicht: Rund 11 Monate werden für alle Arbeiten an einem Stadtbahnwagen benötigt. "Wir starten bei jeder Charge mit dem Bau eines Prototyps. Bei den Bahnen an sich steht dann an erster Stelle immer die Demontage an, 90 Prozent der Teile müssen raus", erklärt Wingen. Danach werden zum Beispiel die Drehgestelle aufgearbeitet, konstruktive Arbeiten durchgeführt, der Fahrerstand verlängert, die Karosserie instandgesetzt und die Bahn komplett neu lackiert – letzteres im SWB-Betriebshof Dransdorf.

Ist die Bahn in modernem Look zurück in Beuel, wird ein neuer Kabelbaum – mit 52 Kilometern Kabel! – installiert, der Innenausbau erledigt, elektrische Türen montiert und die Drehgestelle sowie ein neuer rückspeisefähiger Antrieb eingebaut. Es folgt die Inbetriebnahme mit dem Check aller Verkabelungen und Vorschriften sowie dem Aufschalten bis zu 700 Volt Gleichstrom. Zu guter Letzt geht es für die Bahn wieder nach Dransdorf zur ersten Abnahme, zum Probebetrieb mit 1000 Pflichtkilometern, zur Mängelbeseitigung und endgültigen Abnahme.

Funktionale eigene Konzepte für Lüftung und Klimatisierung entwickelt
Doch bis dieser Workflow stand, galt es, Hürden zu meistern. "Die Umsetzung der Brandschutz-Normen hat enorm viel Zeit gekostet. Zum Beispiel bei den Sitzen: Die einzelnen Komponenten des Sitzes waren brandschutzgeprüft, aber der Verbund der Komponenten nicht. Ein anderes Beispiel: Wir hatten teilweise Beschaffungsprozesse beim Material von bis zu zwei Jahren", erklärt Wingen. Doch die Mannschaft um Wingen und seinen Stellvertreter Sebastian Gräbner scheut keine Mühen – "wir haben wirklich viel Spaß an dem Projekt" – und hat jetzt selbst noch funktionale Konzepte für Klimatisierung und Belüftung entwickelt.

"Für die bei den steigenden Temperaturen notwendige Klimaanlage haben wir ein Aluprofil mit drei Kanälen, das in der Dachmitte des Fahrgastraums verläuft, genutzt. In einem Kanal laufen Beleuchtung und Brandschutz, in einem Kabel und Leitungen und einer war bislang leer", sagt Wingen. Dort haben die SWB-Mitarbeiter nun einen Schlauch verlegt, der zu den bereits vorhandenen Klimaanlagen in den Fahrerständen führt. Das sind zwei pro Bahn. Von dort kann künftig auch kalte Luft zu den Fahrgästen transportiert werden, es kommt kein zusätzlicher Energieverbrauch hinzu. "Diese Idee kam uns donnerstagsabends und freitagsfrüh war sie schon umgesetzt. Sie funktioniert – wir haben das in der letzten Hitzewelle im August getestet. Nun läuft der Abnahmeprozess", so Wingen.

Einbau der neuen Lüftung bis Sommer 2020
Mit der bisherigen Lüftung der Bahnen zeigten sich Wingen und seine Mannschaft ebenfalls nicht zufrieden: "Man kann bislang nur schmale Fensterstreifen auf Kipp stellen, die Luft steht." Auch hier haben sie selbst – dieses Mal aber nach unzähligen unbefriedigenden Versuchen mit Gittern, Lochblech, Düsen und mehr – eine pfiffige Lösung gefunden, die ihren Ansprüchen genügt. Mit zwei Lüftungskanälen rechts und links an der Decke, in denen kleine Lüfter Luft ansaugen und bei sehr geringem Energieverbrauch effizient im Fahrgastraum verwirbeln. "Das Lüftungskonzept wird zum Sommer 2020 in allen bis dahin zweiterneuerten Bahnen umgesetzt, bei der Klimatisierung müssen wir den Abnahmeprozess abwarten", so Wingen.

Wie es zum Großprojekt Zweiterstellung kam
In ihren 99 Stadt- und Straßenbahnen sowie 194 Bussen befördern die Stadtwerke Bonn jährlich 92 Millionen Fahrgäste im Öffentlichen Nahverkehr von Bonn und Umgebung. Die Basis dafür ist unter anderem eine moderne, leistungsfähige Fahrzeugflotte. Doch 2006/2007 kamen die ältesten Stadtbahnwagen der SWB an ihre vorgeschriebene Altersgrenze von 35 Jahren. SWB musste deshalb eine tragfähige finanzielle Entscheidung über Anschaffung, Wartung und Instandhaltung der Bahnen und hinsichtlich Sicherheit, Betriebsverfügbarkeit und Wirtschaftlichkeit fällen. Neue Modelle überzeugten weder SWB-Geschäftsführung noch SWB-Werkstätten. So wurde unter Einbeziehung der Aufsichtsräte und weitern zuständigen Gremien die mutige Entscheidung getroffen, Stadtbahnwagen in den eigenen Werkstätten zu modernisieren. Das SWB-Großprojekt "Zweiterstellung" war geboren.

Die Kosten pro zu sanierendem Fahrzeug liegen bei rund 1,3 Millionen Euro. Dabei machen der rückspeisefähige Antrieb (dabei wird die beim Bremsen entstehende Energie genutzt, in dem sie wieder ins Netz gespeist wird und von anderen Bahnen aufgenommen werden kann) und die elektrische Ausrüstung mit rund 300.000 Euro einen Großteil der Materialkosten aus. Aber: Mit diesen 1,3 Millionen Euro – im Vergleich: eine neue Bahn kostet rund 3,5 Millionen Euro – sind die Fahrzeuge, wie es Förderbedingungen wollen, für die nächsten 25 Jahre ausgelegt. Die Förderung aus öffentlichen Mitteln des Landes NRW, der Stadt Bonn und des Rhein-Sieg-Kreises liegt im Durchschnitt bei rund 75 Prozent der Gesamtkosten. Zudem investiert SWB erhebliche Eigenmittel in dieses Projekt.

Statements vom Pressetermin am 26.11.2019:

Anja Wenmakers, Geschäftsführerin von SWB Bus und Bahn: „Das neue Konzept für Klimatisierung und Belüftung ist ein hervorragendes Projekt. Weil es durch diese Eigenentwicklung möglich sein wird, den Komfort für die Fahrgäste deutlich zu erhöhen, ohne eine komplett neue Klimaanlage einzubauen. Das heißt, unter Nutzung vorhandener Klimaanlagen und unterstützt vom neuen Lüftungssystem wird es möglich sein, den Fahrgastraum deutlich besser zu durchlüften und herunterzukühlen mit deutlich weniger finanziellem Aufwand und deutlich weniger Energie-Aufwand als bei einer neuen Anlage."

Ashok Sridharan, Oberbürgermeister der Bundesstadt Bonn:
„Herzlichen Dank an die Kolleginnen und Kollegen, die sich mit der Zweiterstellung der bisherigen 25 Bahnen und der nächsten 15 Bahnen befassen. Das ist nicht nur eine Investition in unsere Stadtbahnen, sondern auch eine Investition in die Zukunft, in den Klimaschutz und in die Nachhaltigkeit, weil die Bahnen eben nicht abgegeben, sondern erneuert werden. Insofern konnte das Material zum größten Teil behalten werden und trotzdem zusätzlich neue Technik eingebaut werden. Wie die neue Lüftung- und Klimaanlage. Diese ist auch bei den Temperaturen, mit den wir im Sommer zurecht kommen müssen, wirklich erforderlich. Das Ganze ist auch noch wirtschaftlicher als die Neuanschaffung einer Bahn. Und wir sichern Arbeitsplatze hier bei uns am Standort. Auch das ist ein Aspekt, den man durchaus hervorheben kann. Ich bin eben schon in einer Bahn drin gewesen. Es sieht gut aus, die Sitze sind bequem, und ich freue mich drauf, dass die Bahnen demnächst tatsächlich wieder durch Bonn rollen werden. Viel Erfolg auch weiterhin mit der Zweiterstellung, mit denen die Bahnen eine zusätzliche Lebensdauer von 25 Jahren bekommen.“

Sebastian Schuster, Landrat des Rhein-Sieg-Kreises: „Der Rhein-Sieg-Kreis beteiligt sich auch mit fast 10 Millionen Euro an der Maßnahme. Gerade unter dem Gesichtspunkt der Qualitätssicherung und der Nachhaltigkeit ist das Projekt eine gute Investition. Es ist auch für den Haushalt des Rhein-Sieg-Kreises von Vorteil, dass wir keine Neuwagen anschaffen, sondern die alten Wagen mit neuester Technik instand setzen. Gerade die Qualität des ÖPNV und besonders der Linie 66 war in den vergangenen Tagen Thema. Wir sind uns einig, dass wir gemeinsam daran arbeiten wollen, dass der ÖPNV insgesamt so attraktiv ist, dass er die Menschen dazu bringt, umzusteigen und das Auto stehen zu lassen. Da ist das hier ein wichtiger Beitrag.“

Rolf Beu, Vorsitzender der Gesellschafterversammlung der Elektrischen Bahnen der Stadt Bonn und des Rhein-Sieg-Kreises (SSB) sowie Mitglied des Aufsichtsrates von SWB Bus und Bahn: "Wir standen vor der Wahl: Neuanschaffung von Stadtbahnen oder Instandhaltung der alten für die nächsten 25 Jahre. Möglich ist letzteres überhaupt, weil die Bahnen von damals viel qualitätsvoller gearbeitet sind als die neuen von heute. Somit war und ist die Zweiterstellung der richtige Schritt in Richtung Zuverlässigkeit. Dem Wunsch der Fahrgäste nach Klimatisierung muss nachgekommen werden. Das selbst entwickelte Klima- und Lüftungskonzept, das für etwa drei Grad Abkühlung sorgen wird, ist eine innovative Idee – und obendrein relevant für die eigene Arbeitsplatzsicherheit. Eine Vollklimatisierung wäre weder ökonomisch noch ökologisch sinnvoll.“

Gabi Mayer, Mitglied des Aufsichtsrats von SWB Bus und Bahn: "Ich möchte die Gelegenheit nutzen, Ihnen, dem Team der Zweiterstellung, herzlich für Ihre Innovationen und Ihr Engagement zu bedanken. Aus meiner Sicht ist die Zweiterstellung samt neuem Klimatisierungs- und Lüftungskonzept eine ganz großartige Initiative. Sie haben uns als Aufsichtsrat und in den Gremien aus der Patsche geholfen. Denn wir haben ewiglich über die Frage diskutiert, ob eine Klimaanlage für die Bahnen erforderlich ist oder nicht. Und Ihre Lösung hat letztendlich dazu geführt, dass wir die Zweiterstellung beschließen konnten und dass es nun endlich vorangeht."

 

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