27.10.2021

Frauenpower im öffentlichen Nahverkehr

Die ersten Bonner Schaffnerinnen vor dem damaligen Betriebshof Rheindorf im Jahr 1915. © Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn

Berufstätige Frauen waren Anfang des 20. Jahrhunderts die Ausnahme. Männer dominierten die Arbeitswelt. Frauen hatten zu heiraten und sich aus dem Berufsleben fernzuhalten. So war die Berufstätigkeit für die meisten jungen Frauen eine kurze Phase, die mit der Eheschließung endete. Diese Rollenverteilung wurde im ersten Weltkrieg auf den Kopf gestellt.

 

Immer mehr Männer wurden zum Wehrdienst eingezogen. Frauen arbeiten nun in Männerberufen. Sie bedienten Maschinen in Fabriken, arbeiteten als Postbotin oder Schornsteinfegerin. Auch im öffentlichen Nahverkehr machte sich der Mangel an Personal bemerkbar. Aus diesem Grund stellte man bereits im März 1915 in Bonn die ersten Schaffnerinnen ein. Die Erhöhung der Frauenquote sorgte bei der männlichen Belegschaft nicht gerade für Begeisterung. In einem Fall soll sich ein Schaffner sogar geweigert haben, Frauen an seinem Wagen auszubilden.

Widerstand der Betriebsleitung

Die Königlich-Preußische Eisenbahndirektion empfahl im selben Jahr, Frauen auch als Straßenbahnfahrerinnen auszubilden. Dieser Vorschlag wurde von der Bonner Betriebsleitung zunächst rigoros abgelehnt. Im Bonner Stadtarchiv kann man die Bedenken des damaligen Direktors Sattler in einem Brief an den Bonner Oberbürgermeister nachlesen. In seinem Schreiben berichtete er von seinen schlechten Erfahrungen mit den weiblichen Schaffnerinnen: "So habe man bei den meisten Frauen … – abgesehen von teilweise großer Unpünktlichkeit und dergleichen – immer mit Nachlässigkeiten in der Ausübung des Dienstes zu kämpfen (z.B. zu frühes Abschellen an den Haltestellen, Durchfahren an Haltestellen, an denen Fahrgäste aussteigen wollen u.s.w.). Die Frauen sind sich häufig der Verantwortlichkeit ihres Dienstes nicht recht bewußt. Solche Unsicherheiten im Betriebe werden aber gewiß erhöht, wenn der Frau die Führung eines Wagens und gleichzeitig einer anderen der Schaffnerdienste anvertraut wird. In den wenigsten Fällen wird eine Frau als Fahrerin im Augenblicke einer Gefahr sich richtig zu benehmen wissen; in den meisten Fällen ist zu befürchten, daß sie durch verkehrte Maßnahmen eine Gefahr nicht wird abwenden können. Ich würde deshalb Bedenken tragen, einer Frau – mag sie zunächst auch geeignet erscheinen – die Führung eines Wagens zu überlassen."

Fünfzig Straßenbahnfahrerinnen

Aufgrund des zunehmenden Personalmangels stand man jedoch kurze Zeit später nur noch vor der Wahl den Fahrbetrieb einzustellen oder – trotz der geschilderten Bedenken – Frauen als Fahrerinnen auszubilden. So beantragte man Mitte Januar 1916 die „Einstellung von weiblichem Personal als Fahrerinnen“ bei der zuständigen Aufsichtsbehörde. Voraussetzung war ein Mindestalter von 21 Jahren. Erst sieben Monate später wurden die ersten Straßenbahnfahrerinnen eingestellt und ausgebildet. Im Oktober 1916 waren es dann endlich soweit. In Bonn waren die ersten Frauen als Straßenbahnfahrerinnen unterwegs. Anfang 1918 waren es fast fünfzig Fahrerinnen, die durch die Bonner Straßen fuhren. Was damals noch als wagemutiges Experiment anmutete, gehört heute längst zum alltäglichen Straßenbild. Frauenpower im öffentlichen Nahverkehr, in Bonn schon vor 105 Jahren. (m.w)

 

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